Romantisches Wochenende (geplant)      

Es hatte zu schneien begonnen. Erst kleine Eistropfen, dann vereinzelte Kristalle und schließlich große flauschige Schneeflocken, die lautlos zur Erde fielen und den Lärm der Stadt dämpften. Die Menschen begannen sich zu entspannen und ab und an ging ein Leuchten über ihre Gesichter, wenn sie nach oben schauten, um zu sehen, wie der Schnee fiel. Kinder glucksten fröhlich, wenn ein Flöckchen auf ihre Nase fiel und dort kitzelnd schmolz.

Peter wich einem kleinen Mädchen aus, das ganz in Gedanken versunken ihre Füßchen in den frisch gefallenen Schnee setze und nicht auf die Umgebung achtete.

Wenige Schritte später blieb er stehen und schaute zurück. Was für ein süßer Fratz, dachte er. Der Anblick des Kindes versetzte ihm einen Stich ins Herz. Er würde wahrscheinlich nie ein Kind haben. Es war schwierig für schwule Paare, Kinder zu adoptieren. Vorurteile wohin man schaute.

Peter schüttelte den Kopf und eilte weiter. Er hatte keinen Grund sich in Trübsal zu ergehen. Er war jung, hatte einen geilen Freund mit Verstand und Humor und überhaupt wollte er sich jetzt nicht mit schwermütigen Dingen befassen.

Peter erreichte sein Auto und verstaute die Einkaufstüten auf der Rückbank, weil der Kofferraum seines grünen Autos bereits mit Kisten vollgepackt war. Die Überlegung, wo Jason sein Gepäck unterbringen sollte, hatte er kurzfristig vertagt.

Im Auto sitzend betrachtete Peter die Windschutzscheibe, seufzte und stieg wieder aus, um sie und das Dach vom frisch gefallenen Schnee zu befreien. Wieso gab es für sein altes Auto nicht endlich eine beheizbare Karosserie? Dann müsste man kein Schnee vom Dach fegen und keine vereisten Scheiben frei kratzen. Einmal mehr fragte er sich, ob es nicht Zeit für ein neues Auto wäre.


Mit leichter Verspätung hielt Peter vor dem Haus seines Freundes, der im Eingang stand und dem zunehmenden Schneetreiben zuschaute. „Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen, weil du mit Julia einen Schneemann bauen musst“, maulte Jason beton gelangweilt. Dann begann er leise zu singen „Willst du einen Schneemann bauen?

Peter öffnete den Kofferraum. „Ich bin nicht die Eiskönigin und du nicht Olaf.“ Er schaute in den vollen Kofferraum, als wäre er überrascht, dann knallte Peter die Klappe wieder zu, noch bevor Jason mit seiner Tasche ran war.

„Was ist los?“, wollte der wissen. „Ich dachte das geht so: Kofferraum auf, Tasche rein, Kofferraum zu?“

„Planänderung“, grummelte Peter. „Hintertür auf, Tasche rein, Hintertür zu.“

„Dir ist aber schon klar, dass die Sitzbank mit Tüten belegt ist?“

„Dann stell sie in den Fußbereich. Nun sei mal nicht so unflexibel mein Lieber.“

„Ah, Lieber, hat er zu mir gesagt, mein Schatz, das erste wirklich nette Wort von ihm“, imitierte Jason Gollum und packte Tüten und Beutel um und seine Tasche in den Wagen.

Derweil fegte Peter erneut Schnee von seiner kleinen Studentenhuddel. „Können wir?“, fragte er, über das Dach Jason anblickend, der mit der Hand verzückt Schneeflocken auffing und ihnen beim Schmelzen zuschaute.

„Jason, steig ein!“

„Ja, mein Schaaatzzz“, zischte dieser in Gollum-Tonart und gehorchte.


Peter steuerte das Auto aus der Stadt und auf die Autobahn. Das Ziel war das Ferienhaus seiner Eltern. Es lag in einem Erholungsgebiet direkt an einem See. Wenn es dort auch schneite, würde es ein wirklich romantischer 3. Advent werden. Sie beide und ein verschneiter Wald um sie herum und, mit viel Glück, ein vereister See. In den letzten zwei Wochen gab es ununterbrochen Minus-Grade. Die Chancen standen also gut.

„Wieso ist dein Wagen so voll beladen?“, wollte Jason wissen, der am Autoradio herumtippte, um einen Sender zu finden, der nicht gleich wieder Last Christmas, dudelte. Er hatte im Grunde nichts gegen den Titel, aber wenn man den fünf Mal am Tag hörte, ist es genug.

„Der Deal mit meinen Eltern war, dass wir das ganze Wochenende das Häuschen für uns allein bekommen, ich dafür schon Zeug mitnehme, was die Familie zu Weihnachten braucht. Du weißt doch, wir feiern jedes Jahr im Ferienhaus. Ich mach den Packesel und bekomme zwei Nächte gratis.“

„Wenn du einen Anhänger gehabt hättest, wäre womöglich noch eine dritte Nacht herausgesprungen“, bemerkte Jason grinsend. Jetzt lief Country-Musik im Radio.

Peter verdrehte die Augen und Jason knipste das Radio aus. „Wir können auch selber singen.“

Die beiden jungen Männer schauten sich einen Moment an, dann brach das Lachen aus ihnen heraus. Sie hatten sich schon einmal beim Karaoke blamiert, aber hier hörte sie ja keiner.

Und so fuhr ein kleiner grüner Laubfrosch mit zwei fröhlich singenden Studenten über die Autobahn Richtung Süden.

 

Jason und Peter hielten vor einem zweistöckigen Blockhaus, ganz im nordischen Stil. Es war rustikal und gemütlich von außen und nicht weniger auch im Inneren. Sogar ein großer Kamin war vorhanden. Jason erklärte sich für beeindruckt und gab seine Begeisterung mit einem innigen Kuss zum Ausdruck, den Peter sofort zurückgab. Wie lange hatte er auf den Moment gewartet?

Seit Jason seine Hände im Auto nicht bei sich behalten konnte, also seit sie von der Autobahn runter waren, fühlte sich Peter zunehmend geiler.

Er rieb sich an seinem Freund, der nicht weniger angespannt war. Doch Peter schob Jason nach einer weiteren Anzahl von Küssen energisch von sich. „Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen“, verkündete er mit rauer Stimme.

„Nicht einmal ein kleines Vorspiel?“, fragte Jason enttäuscht.

„Willst du nachher aus dem warmen kuscheligen Bett wieder raus in die Kälte, um das Auto leer zu räumen und hinters Haus zu fahren?“

Jason wollte etwas erwidern, doch dann nickte er. „Gutes Argument, also worauf wartest du noch? Los, Auto auspacken. Zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen.“ Mit diesen Worten fegte er an seinem Freund vorbei und rief ihn zu, er solle endlich in die Püschen kommen.

So schleppten die beiden Freunde Kartons, Tüten und Taschen ins Haus, wovon der größte Teil in einer Kammer verstaut wurde, weil es Sachen für das Familienfest waren. Übrig blieben die Reisetasche von Jason, der Koffer von Peter und die Tüten mit dem Einkauf. Zum Schluss kam eine Kühltasche in die Küche, gefüllt mit Leckereien die Peters Mutter für sie mitgegeben hatte.

Jason beobachtete Peter, wie dieser das Essen im Kühlschrank verstaute und ein Gericht sofort in den Ofen schob, um es langsam zu erwärmen. Mit einem Blick in die Röhre bemerkte Jason, dass sie wohl in den drei Tagen kaum verhungern würden.

Peter schaute sich im Wohnzimmer um. Sie hatten erst gründlich gelüftet, dann den Kamin bestückt und die Heizung hochgedreht. Der Wein lagerte kühl und das Essen warm.

„Fertig?“, fragte Jason. Er stand hinter seinem Freund und schob verführerisch seine Arme nach vorn, um ihn näher an sich zu ziehen. Peter lehnte sich an ihm und nickte.

Fertig“, bestätigte dieser.

„Können wir jetzt in die warmen Federn huschen und uns endlich um uns kümmern?“ Jason begann an dem Ohr seines Freundes zu knabbern. Er kannte die Wirkung auf Peter und freute sich schon auf dessen lüsternes Stöhnen. „Ich fresse dich mit Haut und Haaren“, lockte er weiter.

„Das will ich sehen!“ Peter entwand sich der Umarmung, nahm seinen Freund bei der Hand und zog ihn hinter sich her in Richtung Schlafzimmer.

 

Noch waren die beiden Männer dabei sich unter Küssen und Berührungen gegenseitig auszuziehen, als das Geräusch eines Autos ihr Vorhaben unterbrach. Wie erstarrt blieben sie stehen, dann eilten sie zum Fenster.

Was war das?

Peter blieb der Mund offen stehen, Jason hob halb verärgert, halb belustigt die Augenbrauen.

Endlich hatte Peter den ersten Schock überwunden. Er riss das Fenster auf und konnte ein „Was wollt ihr denn hier?“, nicht unterdrücken. Unten standen seine Schwester mit ihren Freundinnen und wirkten nicht weniger verdutzt.

„Das gleiche kann ich dich fragen!“, kam es von unter her. „Ich dachte, du bist mit Jason ins Wochenende gefahren?“

„Bin ich auch“, blaffte Peter seine Schwester an. „Deswegen sind wir ja hier. Du sammelst deinen Einhornprinzessinnen-Club sofort wieder ein, verfrachtest sie ins Auto und verschwindest von hier.“

„Du spinnst wohl! Es wird bald dunkel.“

„Das werden wir gleich sehen.“ Peter knallte das Fenster zu, zog sich etwas über und lief aus dem Zimmer. Ihm war nicht einmal aufgefallen, dass Jason bereits gegangen war.

Er sah von der Treppe aus, wie Jason Julia und ihre Freundinnen herein bat und dabei von jeder der jungen Damen einen Kuss bekam.

Peter verzog angewidert das Gesicht. Vier Weiber knutschten seinen Freund. Das war unerhört. Schließlich stampfte er wütend die Treppe herunter. Als seine Schwester noch keine 18 war, war sie einfacher zu bändigen gewesen als jetzt. Ach, sie werden viel zu schnell groß.

Lachen und Kichern erfüllte den Wohnraum. Die vier Mädchen nahmen die Blockhütte sofort in Beschlag und keiner achtete auf ihn.

Langsam trat Jason an seinen Freund heran und betrachtete erst ihn und dann die Mädchen. „Ich nehme an, das war nicht mit der tollen Überraschung für mich gemeint? Ich hätte mich wohl über vier schwule Jünglinge sicher gefreut, aber diese reizenden Damen?“

„Ach halt die Klappe!“


Natürlich konnte Peter seine Schwester samt Gefolge nicht dazu bewegen, wieder abzureisen. Stattdessen ließ er sich erzählen, wie es zu dem Missverständnis kam, warum sie nun alle in der Blockhütte saßen.

So wurde der 3. Advent zwar lustig, aber leider nicht romantisch. Egal wie viel Schnee fiel.            

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