4. Advent 2018 - I kissed Santa Claus

Leise säuselten beschauliche Weihnachtslieder im Radio. Oliver stand in seiner Dunkelkammer und entwickelte auf ganz altmodische Art und Weise Fotos. Für diese Aufnahmen war er extra in den Harz gefahren, um winterliche Landschaften aufzunehmen. Er würde die Fotos noch bearbeiten und daraus später Motive für Weihnachtspostkarten entwerfen. Von irgendetwas musste der Mensch schließlich leben. Kunst allein reichte nicht. Noch nicht. So verdiente sich Oliver als Fotograf so sein Geld.
Gedankenverloren summte er mit, während er zuschaute, wie in der Schale das erste schwarz-weiß Foto langsam zum Vorschein kam. Erst grobe Strukturen und dann immer mehr Details. Es war sein Lieblingsmotiv. Mitten im Wald standen die Tannen mit Schneemützen, darüber der Himmel von strahlender Reinheit und Sonnenstrahlen brachten den unberührten Schnee zum Glitzern. Das Bild war perfekt. Eigentlich zu perfekt und damit zu kitschig. Doch dann hatte er Glück und ein Häschen hoppelte selbstvergessen unter einem Strauch hervor, dessen Äste tief von schwerem Schnee niedergedrückt waren. Das Häschen war ein geborenes Fotomodel, denn es saß plötzlich ganz still, mit aufgerichteten Ohren und schaute genau in die Kamera, bevor es eilig davon hoppelte.
Oliver nahm das entwickelte Foto aus der Schale und legte es ins Klarwasser, dann in die Fixierlösung.
Das Licht war perfekt, die Umgebung unberührt und die Kulleraugen von Meister Lampe glänzten. Das Foto war ein Glücksfall. Nicht zu kitschig, nicht zu alltäglich. Einmal mehr seufzte Oliver. Er summte noch immer die Weihnachtslieder aus dem Radio mit und schaute dümmlich grinsend sein Häschen an. Schließlich nahm er das Bild aus dem Fixierbad und legte es noch einmal ins Wasserbad.
„Du würdest dich mit einem roten Mäntelchen gut machen, wo dein heller Puschel drunter hervorschaut. Dazu ein kleines Säckchen über der Schulter.“ Oliver klammerte das Bild zum Trocknen an die Fotoleine, um sich dann um die anderen Abzüge zu kümmern. Ab und an schaute er nach seinem Häschen. Plötzlich kringelte sich eine Assoziationskette in seinen Kopf: Häschen – Hase – Karnickel – Sex – Ray. Stöhnend hielt Oliver mit seiner Arbeit inne. Er sackte in sich zusammen. Ray, der King, in dem er seit seiner Schulzeit verschossen war. Sein sehnsuchtsvoller Blick blieb an einem großformatigen Foto an der Wand hängen. Das einzige Bild von Ray, dass er sich gestattet hatte und auch nur hier in der Dunkelkammer. Im gedämpften Rotton der Glühbirne kamen Rays braune Augen nicht gut zur Wirkung, aber das war in Ordnung. Einen Moment schmachtete Oliver das Foto an, dann widmete er sich wieder konzentriert seinen Aufnahmen.
So verging von ihm unbemerkt die Zeit.


Inzwischen war es Abend geworden. Leicht verspannt trat Oliver aus seiner Dunkelkammer, in der Hand einige Probeabzüge. Ganz oben auf lag das Bild mit dem Häschen. Eigentlich war Advent, aber wenn man allein lebte und kaum noch Verwandtschaft hatte, dann spielten solche Tage keine große Rolle mehr. Er hätte zu seiner Tante gehen können, doch da war er schon zum kommenden Weihnachtsessen eingeladen. So blieb Oliver lieber zu Hause. Außerdem frönte er gern seinem Hobby, egal ob Wochenende war oder Feiertage.
Oliver ließ sich auf der Couch nieder und schaltete die Glotze an. Ab 20:15 Uhr brachten die Sender entweder kitschige Weihnachtsunterhaltung oder Action-Filme für alle, die genug vom Weichspülgang hatten. Das Bild veränderte sich auf der Mattscheibe in rascher Folge, als Oliver durch die Kanäle zappte. Der Klassiker schlechthin war natürlich STIRB LANGSAM. Irgendwo musste der Film doch laufen? Nichts. Verdammt. Dann also doch irgendeine Weihnachtsshow. Als diese gerade bei den amerikanischen Songs angekommen war und I saw Mommy kissing Santa Claus gespielt wurde, klingelte es.
Verwundert schaute Oliver zur Wohnzimmertür. Es war inzwischen nach 21:00 Uhr und Besuch erwartete er nicht. Wahrscheinlich die Nachbarin, die mal wieder ihren Schlüssel vergessen und einen Ersatz bei ihm deponiert hatte. Mit einem „Kissing Santa Claus“ auf den Lippen öffnete Oliver und zwinkerte verdutzt.
Da stand der Weihnachtsmann vor der Tür. Oliver öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder und schaute noch verdutzter, als der Weihnachtsmann auch noch ein „Ho! Ho! Ho!“ mit tiefer Stimme hervor brachte.
Endlich war Oliver wieder handlungsfähig. „Entschuldigen Sie, aber ich schätze Sie sind hier zur falschen Zeit am falschen Ort. Heute ist erst der 4. Advent und die Familie mit Kindern wohnt ein Haus weiter.“ Er deutete mit der Hand in die ungefähre Richtung. Sein Hinweis schien nicht zu fruchten, denn mit großen Schritten betrat der Weihnachtsmann den Flur und stampfte ins Wohnzimmer weiter.
„Hey, Sie können doch nicht einfach in meine Wohnung spazieren.“ Oliver ballte die Fäuste. Für einen Moment war er versucht, den Weihnachtsmann am Kragen zu packen und wieder rauszuwerfen. Doch verschiedene Gründe hielten ihn davon ab.
 
1. wirft man den Weihnachtsmann nicht einfach vor die Tür,
2. wollte er wissen, wer ihm diesen bescheuerten Streich spielte und
3. war der Weihnachtsmann mit Sicherheit stärker als er.

Kaum betrat Oliver nach dem Weihnachtsmann das Wohnzimmer, drehte dieser sich um, drückte ihn an sich und küsste ihn. Der falsche weiße Rauschebart kitzelte Oliver in der Nase.
„Hey“, protestierte Oliver energisch, doch da wurden seine Lippen ein weiteres Mal verschlossen. Jetzt schaute Oliver den Weihnachtsmann dabei genau an. Er sah in zwei braunen Augen die er unter Millionen würde wieder erkennen. Fast sofort ließ seine Abwehr nach und sein Körper wurde anschmiegsam, drängte sich gegen die Figur des Weihnachtsmannes. An dem mochte ja alles Mögliche falsch sein, von seiner ausgestopften Jacke bis hin zum Bart, aber darunter erahnte er die wahre Gestalt.
In Gedanken sah er Ray, den King, wie er über den Schulhof schritt und er ihn damals nur heimlich anhimmelte. Jahre später begegnete er seiner Jugendliebe zufällig wieder, als Ray ihn als Hochzeitsfotograf engagierte. Damals dachte Oliver, es würde ihn das Herz brechen, bis sich herausstellte, dass es nicht Rays Hochzeit war. Und dann, an jenem Abend, da ging sein größter Wunsch in Erfüllung. Er tanzte mit Ray, eng und langsam. Von diesem Abend stammte auch das Foto in seiner Dunkelkammer.
Seither blieb der Kontakt zwischen ihnen sporadisch, riss aber nicht mehr ab. Olivers Sehnsucht bekam immer wieder Nahrung, doch bis heute hatte er nicht eindeutig herausfinden können, ob Ray schwul war oder nicht.
Nun hielt ihn dieser Traummann erneut in den Armen.
„Ray“, flüsterte Oliver ungläubig. „Was tust du hier?“
„Dich küssen.“
„Aber …“
„Schsch, es ist Weihnachten, die Zeit der Wunder. “
„Das muss ein Traum sein.“
„Dann haben wir denselben und sollten nicht so schnell aufwachen.“
Die beiden Männer unterhielten sich, einander immer wieder küssend, bis Oliver Ray den Bart abnahm und aus dem Weihnachtsmannkostüm half.
„Was sollte denn das Kostüm?“, fragte Ray ungläubig.
„War meine Ausrede, falls du Besuch gehabt hättest oder mich nicht reinlassen würdest. Dann wäre ich mit einem Ho! Ho! Ho! zum Nachbarhaus gestapft.“
Plötzlich wurde es still zwischen den beiden. Oliver wusste nicht, was er tun sollte. Mit der Gesamtsituation war er noch immer überfordert, Rays Beweggründe ein Rätsel. Liebte Ray ihn, oder war er nur auf der Suche nach Gesellschaft?
Fragend schaute Oliver sein Gegenüber an, als konnte er in dessen Gesicht die Antwort lesen.
„Du sagst, es ist ein Traum und ich möchte wirklich nicht daraus erwachen, aber ich muss wissen, ob es ein Traum bleibt, oder ob es mehr werden kann.“
Das Leuchten in Rays braunen Augen erlosch. Er nahm Olivers Hände in die seinen und zog ihn näher zu sich heran. „Ich bin ehrlich zu dir. Ich weiß es nicht. Das hier war auch nicht von langer Hand vorbereitet. Die Idee hatte ich erst heute, als ich vom Krankenhaus zurückkam. Dort bin ich jedes Jahr auf der Kinderstation, um Geschenke zu verteilen. Das ist Tradition bei uns in der Familie. Meine Eltern haben damit angefangen. Da sie nicht mehr da sind habe ich es übernommen. Deshalb dieser Aufzug. Auf dem Weg zurück zum Auto dachte ich plötzlich an dich und an die Scheune, in der wir gemeinsam getanzt haben, da kam mir der Gedanke einfach vorbei zu kommen.“
Oliver war enttäuscht und zog seine Hände aus denen von Rays. Er liebte den King, so sehr, dass ihm das Herz blutete, aber nur so ein Gedanke zu sein, tat genauso weh.
Ray schien zu ahnen, was in Oliver vorging, denn er griff erneut dessen Hände und führte sie an seine Lippen, um sie zu küssen. „Ich weiß nicht genau, was ich für dich empfinde“, begann er, „diese Frage stelle ich mir schon seit der Schulzeit. Ich mag Frauen und ich mag Männer, wahrscheinlich kann ich mich deshalb nicht entscheiden. Vielleicht ist es Zeit, dass ich es herausfinde. Also wenn du mir helfen magst.“
Noch immer zögerte Oliver, traute dem Frieden nicht, doch dann las er in Rays Augen eine unausgesprochene Sehnsucht.
„Ach egal, es ist Weihnachten und da wird es auch mit dem Wunder klappen.“
Lachend umarmte er seinen King und küsste ihn, fest entschlossen seiner Jugendliebe alle Frauen dieser Welt abspenstig zu machen. „I saw Mommy kissing Santa Claus“, summte es dabei in seinem Kopf.

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